Podiumsdiskussion:

"Sündenfall Winnenden - oder was ist mit der journalistischen Ethik in der Praxis?"

Richte keinen Schaden an, ganz einfach
 
Welche Lehren müssen die Medien aus dem Amoklauf von Winnenden ziehen? Was lief falsch, was richtig? Wie können Zeitungen ihrer ethischen Verantwortung gerecht werden? Eine Podiumsdiskussion.
 
Es ist ganz einfach, im Grunde sind sich darüber alle auf dem Podium einig. Wie ein Berichterstatter sich im Angesicht einer schrecklichen Katastrophe zu verhalten hat, lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen, und um ihn zu begreifen, reicht der gesunde Menschenverstand: „First do no harm“, sagt Bruce Shapiro vom Dart Center for Journalism and Trauma – keinen weiteren Schaden anzurichten bei den Betroffenen, das sei die erste Leitlinie.

Wer über Entsetzliches wie einen Amoklauf, eine Naturkatastrophe, einen Verkehrsunfall berichtet, muss sich in jedem Augenblick der Verantwortung gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen bewusst sein. Sie sehen sich vollkommen unvorbereitet in eine Situation hineingeworfen, aus der es keinen Ausweg gibt – in solch einer Lage „ruht eine erhöhte Verantwortung auf den Schultern des Journalisten“, sagt Gisela Mayer, deren Tochter Nina am 11. März erschossen wurde.

Alles Weitere ergibt sich daraus – die psychologische Nachsorge hat in Winnenden in einer viel beachteten Handreichung für Journalisten die naheliegenden Regeln durchdekliniert: Trauernde nicht bedrängen; keine Minderjährigen befragen; Schulen und Wohnhäuser nicht belagern. Oder mit den Worten von Frank Nipkau, Redaktionsleiter beim Zeitungsverlag Waiblingen: die „Jagd auf Opfer-Fotos und Opfer-Geschichten“ nicht mitmachen, nicht zwei Stunden nach der Tat bei den schockstarren Eltern klingeln: Haben Sie Bilder von Ihrer Tochter? Hatte sie einen Freund?

Der Zeitungsverlag Waiblingen hat auf blutige Einzelheiten der Tat verzichtet – und „es gab keinen Leser, der gesagt hat, da hat uns was gefehlt“. Man kann sich der Hatz nach den grellsten Details also entziehen – und nimmt gerade dadurch keinen Schaden: Lokaljournalisten sind keine routinierten Katastrophenprofis, die von irgendwoher anreisen, eine Geschichte raushauen und wieder verschwinden; Lokaljournalisten sind auch keine „Bild“-Reporter, von denen man nun mal weiß, dass Behutsamkeit, Zurückhaltung, Respekt nicht Teil des Geschäftsmodells sind; Lokaljournalisten müssen auch am Tag, in der Woche, im Jahr nach dem Geschehnis den Menschen in ihrer Heimat in die Augen schauen können. Wenn sie ihrer Verantwortung gerecht werden, gewinnen sie den Respekt der Leser. Das ist eine „ermutigende Botschaft“ für jede Lokalredaktion, sagt Nipkau.

So weit ist den Podiumsbeiträgen nicht im Geringsten zu widersprechen. Am spannendsten sind aber womöglich zwei Beiträge, die über diesen Common Sense hinaus Problemhorizonte aufreißen . . .

„Gründlichkeit statt Schnelligkeit“

Bei der Berichterstattung über ein derart existenziell erschütterndes Drama, sagt Prof. Christian Schicha von der Mediadesign-Hochschule Düsseldorf, muss die Maxime lauten: „Gründlichkeit statt Schnelligkeit“. Aber sich dem Diktat der Schnelligkeit zu entziehen – das wird künftig nicht leichter. In einer ganzen Serie von Referaten kreist dieses Lokaljournalistenforum um die Frage, wie der Journalismus sich in der digitalen Zukunft behaupten wird. Es wird, sagen viele, darum gehen, minutenaktuell Nachrichten in die multimedialen Kanäle einzuspeisen und so gegen die ebenfalls im Hecheltempo operierende Konkurrenz zu bestehen. Schnelligkeit aber steht strukturell in einem Widerspruch zu Genauigkeit, Reflektiertheit, Behutsamkeit. Wie sichern wir uns in diesem Hamsterrad der Beschleunigung Denkpausen?

Prof. Wolfgang Donsbach von der Technischen Universität Dresden fordert „mehr Schutz der Journalisten, die sich dem Weiterdrehen der Schraube verweigern, Schutz für die, die sich in der Tageshektik dem Druck entziehen“. Wenn ein Journalist aus einem Gefühl professioneller Verantwortung heraus eine eigenständige Entscheidung trifft, müsse er auf einen kollegialen „Schutzwall“ bauen können, müsse er auf seinem Gewissen beharren dürfen – selbst wenn von dieser Entscheidung ökonomische Verlagsinteressen berührt sind.

Und das, sagt Donsbach, gilt nicht erst bei einem Amoklauf. Es beginnt bei viel alltäglicheren „ethischen Problemen“; bereits dort, wo ein Journalist „über einen Inserenten nicht schlecht schreiben“ darf, weil der sonst womöglich keine Anzeigen mehr schaltet.

Wer gewohnt ist, Einmischungen als Unausweichlichkeiten zu akzeptieren, Vorgaben zu gehorchen und sich das freie Denken abnehmen zu lassen, wird im Zweifelsfall in einer dramatischen Ausnahmesituation nicht über die Erfahrung und das Selbstbewusstsein verfügen, auf seinen inneren Kompass zu vertrauen.

Täterbilder, Opferbilder

Der Zeitungsverlag Waiblingen hat ein Bild von Tim K. abgedruckt, am Tag nach dem Amoklauf. Danach nie wieder – auch wir mussten aus Fehlern lernen. Gisela Mayer erklärt, warum ihr dieser Bilderverzicht wichtig ist: Wer einen feigen Mörder zu einer Titelheldenfigur macht, wie nicht nur die "Bild", sondern auch der "Spiegel" es handhabte, der spielt das Spiel des Täters mit: Schenkt ihm genau die maximale Aufmerksamkeit, die er mit seinem Treiben auslösen wollte. Mayers Forderung dürfte sich in der Medienbranche allerdings eher nicht durchsetzen lassen. Der "Spiegel" beharrte nach Winnenden angesichts aufflackernder Kritik darauf: Tim K. sei nun mal zu einer "Person der Zeitgeschichte" geworden.

Und Opferbilder? Wenn heutzutage praktisch jeder junge Mensch sein Foto auf Facebook stellt – sind diese Porträts dann nicht sowieso schon öffentlich, darf man sie dann nicht auch abdrucken? Eher nein, sagt Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Deutschen Presserats. "Im Zweifelsfall" müsse man zuvor "die Betroffenen fragen, das Einverständnis einholen. Und wenn
das nicht vorliegt, darf man nicht veröffentlichen." Frank Nipkau findet, hier sollte der Presserat sich noch schärfer äußern, de facto habe er nach Winnenden Bildergalerien der Opfer "abgenickt" – obwohl die Fotos "aus trüben Quellen kamen"; obwohl es um Minderjährige ging; obwohl davon auszugehen ist, dass das Einverständnis der Eltern in keinem einzigen
Fall eingeholt wurde. "Das halte ich für skandalös, dass solche Bilder zur Handelsware und von Nachrichtenagenturen weiterverbreitet wurden."

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